Die 5 W’s der nachhaltigen Mode

Oftmals hängen unzählige Kleidungsstücke völlig ungetragen in den heimischen Schränken. Und der Textilkonsum wächst: in Europa wurden im Schnitt 19 Kilogramm Textilien pro Person gekauft wurden (Stand 2022), in Deutschland ca. 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Das ist genug, um einen großen Reisekoffer mit brandneuer Kleidung zu füllen und das jedes Jahr aufs Neue. Diese enorme Nachfrage hat weitreichende globale Konsequenzen. Der Konsum von Textilien verursacht in der EU pro Person durchschnittlich 355 Kilogramm CO₂-Äquivalente im Jahr, was einer Autofahrt von rund 1.800 Kilometern mit einem herkömmlichen Benziner entspricht. Um es noch anschaulicher zu machen: Für die Herstellung eines einzigen konventionellen Baumwoll-T-Shirts werden etwa 2.700 Liter Wasser benötigt. Bei einer durchschnittlichen Jeans steigt dieser immense Wasserverbrauch sogar auf unglaubliche 8.000 Liter an. Gerade in den heutigen Zeiten, wo Wassermangel auch bei uns in Deutschland ein echtes Problem wird, immense Zahlen.

Doch wie lässt sich dieser Fast-Fashion-Kreislauf durchbrechen, ohne dass man dabei auf Stil und modischen Ausdruck verzichten muss? Die Antwort liegt in den 5 W’s der nachhaltigen Mode: Diese Leitlinien können als verlässlicher Kompass für einen weitaus bewussteren und umweltschonenderen Umgang mit Textilien im Alltag dienen.

1. W: Weniger (Reduce) – Qualität vor Quantität

Der mit Abstand wirksamste Schritt für den Umweltschutz im Bereich der Mode ist eigentlich sehr simpel: weniger konsumieren und neue Einkäufe bewusster tätigen. Jedes nicht produzierte Kleidungsstück spart direkt wertvolle Ressourcen ein und vermeidet die Entstehung von Abfall von vornherein. Bevor man also das nächste Mal an der Kasse steht oder online auf "Kaufen" klickt, sollte man sich kritisch fragen, ob das jeweilige Teil wirklich gebraucht wird. Falls eine Neuanschaffung tatsächlich notwendig ist, lohnt es sich auf lange Sicht immer, in zeitlose Stücke von hoher Qualität zu investieren, anstatt auf kurzlebige Billig-Mode zurückzugreifen.

Wenn neu gekauft wird, sollte man auch ein Auge auf sogenanntes Greenwashing haben. Viele Fast-Fashion-Konzerne nutzen selbst entworfene, seriös wirkende „Öko-Label“, die jedoch keinerlei strengen externen Kontrollen unterliegen und der Verbraucherschaft lediglich ein reines Gewissen suggerieren sollen.

Um diesem Problem auch auf politischer Ebene entgegenzuwirken, hat die Europäische Union mit ihrer Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien konkrete Maßnahmen beschlossen. Neue Vorgaben wie die Ökodesign-Verordnung verpflichten Hersteller dazu, Kleidung langlebiger, reparierbarer und leichter recycelbar zu gestalten. Zudem wird die Vernichtung unverkaufter Textilien verboten und eine erweiterte Herstellerverantwortung eingeführt, durch welche Modekonzerne die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling von Alttextilien tragen müssen. Zusätzlich werden durch ein EU-Umweltzeichen Produkte und Dienstleistungen mit reduzierter Umweltbelastung über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg gekennzeichnet. Auch gegen irreführende Werbung geht die EU strenger vor: Pauschale und unbelegte Umweltversprechen werden gesetzlich untersagt.

Eine verlässliche Orientierung bieten stattdessen nur unabhängige und etablierte Gütesiegel, die idealerweise Umwelt- und Sozialstandards kombinieren. Als stärkstes Gesamtsiegel für Baumwolle gilt zum Beispiel der Global Organic Textile Standard (GOTS), der die gesamte Verarbeitungskette vom biologischen Anbau bis zum Endprodukt nach strengen ökologischen und sozialen Kriterien prüft. Um sicherzugehen, dass auch faire Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne bei der Konfektion gewährleistet sind, sollte man zusätzlich auf Initiativen wie die Fair Wear Foundation achten. Die Kombination aus einem starken Umweltsiegel wie GOTS und einem Sozialstandard bildet somit die sicherste Wahl, um Mensch und Natur beim Kleiderkauf bestmöglich zu schützen. Als verlässliches nationales Gütesiegel kennzeichnet der Grüne Knopf als staatliches Siegel nachhaltige Textilien, bei deren Herstellung Menschenrechte und Umweltstandards eingehalten werden.

Damit unsere Lieblingsteile gar nicht erst so schnell ersetzt werden müssen, kommt es maßgeblich auf die richtige Pflege an. Ein oft unterschätzter Fakt ist, dass weniger Waschen die Fasern und Farben der Kleidung enorm schont. Wenn ein Kleidungsstück nicht wirklich durch Flecken verschmutzt ist, reicht es in vielen Fällen völlig aus, es einfach an der frischen Luft auszulüften. Wenn man wäscht, sollte dies am besten mit kaltem Wasser geschehen, denn das Erhitzen des Wassers verbraucht zusätzlich Energie.

Durch heißes oder häufiges Waschen ergibt sich noch ein anderes Problem, das mit der Zusammensetzung unserer Kleidung zusammenhängt: Mittlerweile bestehen etwa 60 bis 70 Prozent unserer Kleidung aus rein synthetischen Materialien, wie beispielsweise Polyester oder Acryl. Durch die mechanische Beanspruchung und den Abrieb in der Waschmaschine lösen sich mikroskopisch kleine Kunststoffpartikel, die so ungehindert ins Abwasser gelangen.

2. W: Weitergeben (Rewear & ReUse) – Tauschen statt Kaufen

Bevor man noch intakte Kleidung voreilig aussortiert oder gar in den Müll wirft, sollte man intensiv prüfen, wie und wo sie sinnvoll weiterverwendet werden kann, etwa auf Tauschbörsen, Flohmärkten oder durch Spenden an Secondhand-Geschäfte. Wer wissen möchte, welche lokalen Tauschmöglichkeiten und tollen Secondhand-Läden es in Bonn gibt, findet ausführliche Informationen in unserem Tipps&Tricks-Beitrag „Secondhand kaufen und weitergeben“ oder in unserer Broschüre „Gesucht und gefunden“. Auch unser Tausch- und Verschenkmarkt ist eine tolle Plattform, um lokal Kleidung weiterzugeben. Dieser ist auch über die Abfallplaner-App für Android und iOS erreichbar.

3. W: Wiederverwertung (Recycle) – Kreatives Upcycling

Wenn Textilien so stark abgenutzt, dreckig oder kaputt sind, dass sie wirklich nicht mehr tragbar sind, kommt das Recycling ins Spiel. Eine kreative Form ist das sogenannte Upcycling. Bei diesem Prozess verleiht man alten, zerschlissenen Textilien mit etwas Fantasie einen völlig neuen Nutzwert. Aus einem alten T-Shirt lässt sich beispielsweise mit wenig Aufwand und ohne Nähmaschine eine praktische Einkaufstasche basteln. Auch die intakten Frottee-Reste von alten, ausgemusterten Handtüchern müssen nicht in den Müll, sondern lassen sich hervorragend in waschbare, wiederverwendbare Kosmetikpads verwandeln.

Wenn Upcycling nicht infrage kommt, gehören alte, nicht mehr tragbare Kleidungsstücke gewaschen und fest in einem Sack verpackt in die entsprechenden Alttextilcontainer, wie sie beispielsweise von bonnorange aufgestellt werden. Hierbei ist jedoch ein realistischer Blick auf die Situation nötig: In der Stadt Bonn wurden zuletzt zwar rund 320 Tonnen Alttextilien über diese Wege gesammelt. Aufgrund der stetig sinkenden Materialqualität der heutigen Fast-Fashion-Kleidung können jedoch leider nur noch etwa 10 Prozent dieser Sammelmenge direkt als tragbare Kleidung an bedürftige Personen weitergegeben werden. Der weitaus größte Rest wird im Anschluss oft aufwendig weiterverkauft, zu Putzlappen geschreddert oder landet schlussendlich als wertloser Reststoff in der thermischen Verwertung, sprich in der Müllverbrennung. Recycling hilft also dabei, die reine Abfallmenge zu reduzieren, doch ein bewusster Konsum und die Vermeidung von Müll von vornherein sollten stets an erster Stelle stehen.

4. W: Wiederherstellen (Repair) – Selbermachen liegt im Trend

Ein abgerissener Knopf, ein unauffälliges Loch oder eine leicht abgenutzte Stelle am Ellenbogen sind noch lange kein Grund, ein ansonsten gutes Kleidungsstück in die Tonne zu werfen. Mit etwas Geduld, Nadel und Faden lässt sich die Lebensdauer der eigenen Garderobe oft um viele Jahre verlängern.

Dabei muss die Reparatur nicht zwingend unsichtbar sein. Moderne Modetechniken wie das sogenannte „Visible Mending“ (also das ganz bewusste, sichtbare Flicken) erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Dabei nutzt man extra bunte, auffällige Garne oder dekorative geometrische Stiche, um die Löcher nicht einfach nur zu verstecken, sondern sie stattdessen ganz gezielt als modische Design-Elemente und individuelle Highlights hervorzuheben.

Falls man beim Handarbeiten noch unsicher ist oder bei komplizierteren Reparaturen Hilfe benötigt, kann man in Bonn auf tolle lokale Repair-Cafés und organisierte Nähstuben zurückgreifen. Auch diese Anlaufstellen finden sich in unserer Broschüre „Gesucht und gefunden“. Durch das gemeinsame Reparieren in der Gruppe lässt sich wertvoller Abfall effektiv vermeiden und man lernt gleichzeitig nützliche handwerkliche Fähigkeiten fürs Leben.

5. W: Weiterverkaufen (Resell) – Platz für Neues schaffen

Wenn Kleidungsstücke zwar noch in einem absolut einwandfreien Zustand sind, aber schlichtweg nicht mehr zum aktuellen persönlichen Stil passen oder in der Größe nicht mehr optimal sitzen, kann man ihnen relativ mühelos ein zweites Leben schenken und nebenbei noch etwas Geld verdienen. Der Markt für gebrauchte Textilien und Secondhand-Mode erlebt seit Jahren einen Boom. Zahlreiche spezialisierte Online-Plattformen und benutzerfreundliche Smartphone-Apps wie Vinted, Sellpy, Momox oder auch Kleinanzeigen machen den Weiterverkauf richtig komfortabel.

Zusammenfassend lässt sich ganz klar sagen, dass jeder mit diesen Tipps versuchen kann, die Anzahl der neu gekauften Kleidungsstücke zu verringern und auf Materialqualität statt auf kurzlebige Quantität setzen kann. Durch ressourcenschonende Pflege, gelegentliche kreative Reparaturen und die Weitergabe von ausgemusterten, aber noch intakten Teilen an Mitmenschen lässt sich die getragene Kleidung möglichst lange und sinnvoll im textilen Kreislauf halten.